Referendariat Erfahrungen: Hölle, Horror oder harmlos?
- Rebekka Schuster

- 26. Mai 2022
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Feb.

„Wenn das Referendariat ein Tier wäre, dann wäre es ein…?“ So lautete die erste Frage einer kleinen Umfrage 2022 über „Erfahrungen im Referendariat“, an der 10 Lehrer:innen aus verschiedenen Lehrämtern teilnahmen, die ihr Ref innerhalb der letzten 12 Jahre abgeschlossen hatten. Die Antworten darauf waren ebenso großartig wie bedrückend...
Denn das Ref hat an Höhen und Tiefen einiges zu bieten. Und das wollen wir uns jetzt einmal gemeinsam ansehen: Mit ehrlichen Insights, der ungeschönten Wahrheit und trotzdem ganz vielen Mutmach-Momenten!
INHALTSVERZEICHNIS
Referendariat Erfahrungen - 10 echte Einblicke
„Wenn das Referendariat ein Tier wäre, dann wäre es:
Ein Chamäleon, weil man sich immer wieder neu an Situationen und Anforderungen anpassen muss.“

„… ein Tyrannosaurus Rex, weil es grausam war und ich ihm nicht (noch einmal) begegnen möchte.“
„… ein Turnierpferd, weil man immer fit sein und gute Leistung bringen sollte.“
„… ein reißender Wolf, weil es so an einem zerrt.“
„… eine Schlange, weil man sich durch den ganzen Unterrichts-Dschungel schlängeln muss.“
Puh… Schmetterlinge, Katzenbabys und Faultiere waren in dieser Kategorie vollkommen unterrepräsentiert. Stattdessen wird ein ganzer Wildpark inklusive Dinosaurier aufgefahren (übrigens noch ergänzt von Tiger und Bär sowie einem ständig unangenehm summenden Moskito), bei denen sich nicht so wirklich ein Wohlbehagen einstellen mag. Aber ist das wirklich so...?
Ist das Referendariat wirklich so schlimm?
Du wirst in diesem Artikel lauter ehrliche und authentische Antworten finden, was die vielen Herausforderungen des Referendariats sind und was genau das Ref so wahnsinnig anstrengend macht. Aber aufgepasst! Es geht nicht nur um die tiefsten Tiefen dieser Zeit, sondern vor allem auch um wichtige Erkenntnisse, gute Erfahrungen und den ein oder anderen hilfreichen Rat, der dir Mut machen soll.
Also dann, schauen wir dem Tyrannosaurus Rex mal ins Maul:

Warum ist das Referendariat so schlimm?
In der Umfrage wurden die Lehrer:innen gefragt, was sie im Referendariat am meisten herausgefordert hat. Vielleicht findest du dich in dieser Aufzählung wieder:
Zeitmanagement
Das ständige Bewertetwerden
Der Umgang mit Versagensangst und Stress
Sich immer wieder jeden Tag von Neuem motivieren zu müssen
Den Anforderungen der Seminarleitung gerecht zu werden
Die viele Arbeit
Der Umgang mit schwierigen Klassen
Die langfristige Zeitplanung z. B. Themenwahl für Prüfungen
Der Anspruch an Perfektion – vor allem von außen
Eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden...
Holla, die Waldfee, da kommt einiges zusammen. Die bereits vorhandenen Herausforderungen des Lehrerberufs (Zeitmanagement, Klassenführung, Work-Life-Balance) potenzieren sich mit den Anforderungen des Refs (Ansprüche von außen, Bewertungs- und Prüfungssituationen, Versagensängste etc.). Auch nur eine kleine Auswahl aus diesem Buffet der Anforderungen würde locker reichen, um aus der Puste zu kommen. Und wir sind eben keine Turnierpferde, die unermüdlich springen können. (Das können die armen Tiere schließlich auch nicht.) Es ist nicht von der Hand zu weisen: Dieses System ist reformbedürftig.

Referendariat reformieren!
"Wo müsste sich im System Referendariat etwas ändern?" lautete ein Punkt in der Umfrage und „Wo soll ich da bloß anfangen…“ lautete die Antwort einer Lehrkraft. Und „Überall!“ die Antwort einer anderen. Tatsächlich gab es zu diesem Punkt Wünsche, Änderungsvorschläge und Ideen en masse. Angefangen bei mehr Praxis bereits im Studium, über mehr Wertschätzung seitens der Seminarleitungen bis hin zum Überdenken der hierarchischen Struktur an sich.
Ein anderer Vorschlag, der sich wie ein roter Faden durch mehrere Antworten zog, war der Fokus auf den realistischen Alltagsunterricht und dessen Vorbereitung: „Keine vermeintlich perfekten Stunden, die man nie wieder hält“ und eine „alltagsorientierte Vorbereitung im Seminar“.
Sicherlich, es braucht gut durchdachte Stunden. Und es braucht auch eine fundierte Vorbereitung. Aber die schiere Fülle an bis ins Letzte ausgearbeitete Stundenverläufe ist (ohne mittelschwere Burnout-Symptome) nun mal kaum zu bewältigen...

Und der nächste Punkt wiederholte sich ebenfalls in unterschiedlichen Facetten: „Druck rausnehmen“. Was fällt alles darunter? „Kompetenzorientierung statt Defizitorientierung“ – „Mehr Wertschätzung seitens der Seminarlehrer“ – „Mehr Raum für Fehler…“ Amen dazu.
Es hinkt doch irgendetwas, wenn wir als Lehrkräfte gegenüber unseren Schüler:innen eine Kultur des „Fehlers als Lernchance“ pflegen und es uns in unserem eigenen Lernen nicht gestattet sein soll. Sicherlich ist Kritik in einer Ausbildung immer vonnöten. (Auch, wenn sie manchmal weh tut.) Aber wie wir alle wissen, ist eben auch die Feedbackkultur entscheidend darüber, wie wir Kritik hören und annehmen können. Und nicht immer wird diese Kritik fair und hilfreich formuliert.
Letzter und persönlicher Lieblingsvorschlag, was man im Referendariat einführen müsste: „Feierabend ab 20 Uhr!“ Herrlich.
Referendariat - Schlimmste Zeit des Lebens?
Das war bis jetzt ziemlich harter Tobak und ja - man könnte meinen, dass das Ref die schlimmste Zeit des Lebens ist. Aber nun kommt ein wenig Licht in das düstere Szenario mit der nächsten Frage, die in der Umfrage gestellt wurde: „Was hat dir geholfen, das Ref zu meistern oder zu überstehen?“
Nicht alles zu 100% machen
Wissen über frühere Erfolge
Materialaustausch mit anderen
Gute Zeiteinteilung
Pausen
Also trau dich eben doch, zwischendurch ein Faultier zu sein!

Aber noch viel häufiger wurden die lieben Menschen genannt, die einen in dieser Zeit unterstützen und mittragen: „Meine tolle Betreuungslehrerin“, „vor allem mein Mann“, „Ref-Mitleidende“, „hilfsbereite Kolleginnen“, „meine Seminarleiterin“, „Familie und Freunde“, „mein Opa, der für mich die Reli-Landschaften gebaut hat und meine Oma, die für mich gekocht hat“.
Wow – wie schön ist es zu wissen, dass da ein ganzes Umfeld uns umgibt, das einen nicht im Ref-Regen stehen lässt. Und vielleicht magst du dir an dieser Stelle ebenfalls mal kurz überlegen, wer dich gerade in dieser Zeit des Referendariats stützt und trägt. Denn eines ist klar: Wir brauchen einander – vor allem auf Durststrecken. Und umso schöner ist es, wenn dich dann die Oma mit Kässpatzen und Apfelschorle umsorgt.
Unterstützung im Referendariat
Wenn du allerdings merkst, dass dir in deinem Referendariat ein passender Ansprechpartner fehlt und du dir einen fundierten Austausch über deine Fragen rund um Schule und Unterricht wünschst, dann sieh dir gerne mein Beratungsangebot an.

Mein Name ist Rebekka, ich bin Lehrerin, Autorin und Beraterin und ich begleite Referendar:innen des Lehramts Grundschule auf ihrem Weg durchs Ref mit all den fachlichen, didaktischen und pädagogischen Fragen, die in dieser Zeit auftauchen. Es ist mir ebenso ein Herzensanliegen, werdenden Lehrer:innen in dieser Zeit Mut zu machen und sie auf ihrem Weg zur fertigen Lehrkraft zu bestärken.
Referendariat – positive Erfahrungen möglich!
Und wir bleiben gleich beim Positiven, weil´s so schön ist. Bei der Frage „Was ist das Beste, das dir im Referendariat passiert ist?“ standen vor allem die persönlichen Beziehungen im Vordergrund:
„Die Menschen, die ich kennengelernt habe“
„Eine Betreuungslehrerin, die motiviert, immer ansprechbar und ein tolles Vorbild war“
„Meine erste eigene Klasse“
„Eine Kollegin aus dem Bekanntenkreis, die zu meiner `Vertrauenslehrerin´ und zu einer Art Mentorin wurde“
„In einem wohlgesonnenen Seminar zu landen“
Wie wertvoll sind diese guten Beziehungen, die auch übers Referendariat hinausreichen können. Bis heute zählen zwei ganz wunderbare Mitreferendarinnen aus meinem eigenen Seminar zu meinem Freundeskreis und wie dankbar bin ich ihnen für die vielen schönen, lustigen und leichten Momente, die wir trotz aller Anstrengungen gemeinsam hatten. Und auch wenn das Ref ein Tyrannosaurus Rex sein mag, dann sind genau solche Beziehungen unter der Kategorie „Schmetterlinge“ einzuordnen.

Und da es jetzt grad schon so schön rührselig ist, machen wir gleich weiter mit den „good vibes“: „Was hast du für dich Positives aus dieser Zeit mitgenommen?“ Hier wurde ein guter Seminarzusammenhalt genannt, die Hospitationen bei anderen Lehrkräften, das Acht geben auf die eigene Work-Life-Balance und das Wissen „Meine Beziehung übersteht sogar ein Referendariat!“. Außerdem der herrliche Satz „Kinder sind super!“.
Aber eine Aussage steckte in mehr als der Hälfte aller Antworten:
„ICH SCHAFFE ALLES.“
Wenn ich das Ref geschafft habe, dann bin ich fürs Leben gewappnet. Und da ist was dran. Was nicht heißen soll, dass man im Alleingang alle Hürden nimmt: „Ich kann mit Unterstützung viel leisten“ oder „Wenn man drin steckt, schafft man viel mehr, als man in Vorhinein erwartet hätte“ – diese Aussagen zeigen, dass es einen Support braucht, aber auch, dass man seine eigenen angenommenen Limitationen neu abstecken und erweitern kann. Schön auf den Punkt gebracht, bringt es diese Aussage: „Sich selbst wachsen sehen.“
Referendariat – Hölle oder harmlos?
Wolf oder Katzenbaby? Die Erfahrungen, die man im Referendariat macht, können wirklich sehr anstrengend, kräftezehrend und hart sein. Und das kann an dir zerren und an deinen Kräften zehren. Das kann sich sogar körperlich auswirken: „Im Referendariat hatte ich Infekte, die hatte ich vorher nie und danach auch nicht wieder…“

Und es gibt auch nicht den EINEN Schalter, den man umlegen müsste, damit sich alles in Wohlgefallen auflöst. Und auch, wenn sicherlich jeder Lehrer und jede Lehrerin Vorschläge dazu hätte, was sich im System verändern müsste, ändert das für dich persönlich zum jetzigen Zeitpunkt als Referendar:in rein gar nichts. Also heißt es wieder: Bei sich selbst anfangen… Vielleicht inspiriert dich der ein oder andere Gedanke, den die bereits fertigen Lehrkräfte auf die Frage antworteten: „Was würdest du im Nachhinein anders machen?“:
„Mehr Vertrauen in mich haben“
„Ich würde mir weniger Druck und Stress wegen Kleinigkeiten in der Vorbereitungen machen“
„Langfristiger planen, um mich zu entlasten“
„Nicht so viel auf die Meinung anderer geben“ und „mehr meine eigene Meinung mitteilen“
„Ich würde mehr Termine mit Freunden und Familie wahrnehmen“
Irgendwie geht es doch immer wieder um die gleichen Themen: Struktur und Selbstvertrauen. Struktur beim Vorbereiten, beim Planen von Stunden oder Einheiten und in der praktischen Umsetzung im Klassenzimmer.
Und darüber hinaus das große Thema Selbstvertrauen: Ich kann das. Ich schaffe das. Nein, ich bin nicht perfekt. Ja, ich mache Fehler. Und das ist vollkommen okay. Und ich bin – so wie ich das hier gerade mache – auch okay.
Also, nicht verzweifeln!

Glaub an dich!
Gute Wünsche zum Referendariat
Ich möchte enden mit einigen ermutigenden Worten, die an dich gerichtet sind. Es ist ein Text aus den gesammelten Antworten der befragten Lehrkräfte auf die Frage „Welchen Rat würdest du dir selber geben, wenn du noch einmal am Anfang deines Referendariats stehen würdest?“ Und der daraus entstandene Brief ist jetzt an dich adressiert:
„Liebe:r Referendar:in,
die du aktuell mitten im Ref steckst:
Habe keine Angst. Du wirst es schaffen. Überlege dir, was WIRKLICH wichtig ist. Wenn es zu viel wird, dann mache nicht alles zu 100%, sondern nur so viel, wie wirklich sein muss. Weißt du, nicht jedes Arbeitsblatt muss perfekt sein, um eine gute Lehrer:in zu sein.
Zieh es durch, so gut du kannst. Verliere nicht den Mut und denke immer daran, dass diese Zeit mit all ihren Herausforderungen vorbei gehen wird! Lass dir nicht einreden, dass du nichts kannst. Das ist Quatsch!
Gib dein Bestes und hör nicht zu sehr auf die Anderen. Sondern bleibe du selbst, höre auf dein Bauchgefühl und handle danach. Auch wenn das zwischendurch schwer fällt: Nimm es nicht zu Ernst. Das Referendariat ist nicht alles!
Und zu guter Letzt ein kleiner Tipp: Geh um 22 Uhr ins Bett.
Alles Liebe
10 ehemalige Lehramtsanwärter:innen“
Dem ist nichts hinzuzufügen.
In diesem Sinne – viel Kraft und Mut!
Deine Rebekka
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Toll! Total hilfreich und macht Spaß zum Lesen :)