Entdeckendes Lernen in der Grundschule – Beispiele, Methoden und Ideen für die Unterrichtspraxis
- Rebekka Schuster

- 29. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit

„Hallo liebe Kinder! Ich habe euch heute etwas mitgebracht… Seht einmal alle her: In diesem Korb findet ihr lauter Gegenstände, die mit A anfangen…“
Na? Kennst du einen solchen Einstieg? Und fühlst dich vielleicht sogar ertappt? Wir Lehrkräfte neigen nämlich dazu den Kindern am liebsten alles in kleinen Häppchen zu servieren und ihnen schon so viel vorzugeben, dass sie sich auf ihren kleinen Holzstühlchen zurücklehnen und der Show ganz entspannt zusehen können.
Der Witz ist nur: WIR brauchen gar keine Dinge mehr mit A zu suchen. Wir haben das bereits gelernt. Jetzt sind die Schüler:innen dran: SIE sollen herausfinden, was mit A anfängt. Und SIE sollen auch entdecken, wie sich Zahlenfolgen verändern. SIE sollen erforschen, was bei einem Experiment passiert. Und es ist so spannend, was Kinder entdecken und wie sie ihre Erkenntnisse in Worte fassen - wenn sie genug Zeit und Raum dafür bekommen.
Und darum soll es in diesem Artikel gehen:
Wie gelingt es mir als Lehrkraft,
den Kindern Entdeckendes Lernen zu ermöglichen?
INHALTSVERZEICHNIS
Also, legen wir los:
1. Was ist Entdeckendes Lernen?
Es gibt verschiedene Definitionen von Bruner, Winter und Co. über das Entdeckende Lernen. Ich will es einmal so formulieren: Beim Entdeckenden Lernen wird der Unterricht für die Kinder so vorbereitet, dass nicht die Lehrkraft Ergebnisse präsentiert, sondern durch passende Impulse, Materialien und Angebote die Schüler:innen selbst Entdeckungen machen und Erkenntnisse gewinnen, sich darüber austauschen und ihren Lernzuwachs formulieren.
Aber bevor es zu theoretisch wird, hier gleich die ersten praktischen und leicht umsetzbaren Methoden:
Entdeckendes Lernen durch die Methode „Stummer Impuls“: Lass im Einstieg den ganzen Einleitungssingsang weg und präsentiere im Sitzkreis wortlos den mitgebrachten Impuls (Bild, Gegenstand, Wortkarten etc.) und sieh dann auffordernd in die Runde. Lass nun die Kinder ihre Assoziationen, Entdeckungen, Eindrücke selbst schildern. Greif dann auf, was hilfreich und sinnvoll ist und moderiere die Übergänge.

Entdeckendes Lernen durch Vergleichen – hier am Beispiel einer Vorgangsbeschreibung: Gib den Kindern zwei Textversionen (ein gelungenes Beispiel, ein missglücktes Beispiel) und lass sie die beiden miteinander vergleichen. Im anschließenden Austausch erarbeiten sie selbst die Kriterien für eine gelungene und stimmige Vorgangsbeschreibung.

Entdeckendes Lernen durch gute Impulse: Es gibt EINEN Impuls bzw. eine Frage, die unheimlich gewinnbringend ist, wenn die Kinder ihre Entdeckungen selbst formulieren sollen: „Was fällt dir auf?“ Lass sie Besonderheiten beschreiben, Gemeinsamkeiten und Unterschiede selbst entdecken und so in ein tieferes Gespräch einsteigen als das typische Frage-Antwort-Ping-Pong zwischen Lehrkraft und Schüler.

Denn das Unterrichtsgespräch zwischen Lehrkraft und Schülern ist kein mündlicher Lückentext, in dem die Kinder nur die passenden Wörter einfüllen sollen.
Um das Ganze nun an ein paar ausführlichen Beispielen zu verdeutlichen, sehen wir uns die Fächer Mathematik, Deutsch und Sachunterricht einmal genauer an.
2. Entdeckendes Lernen Mathematik
Es gibt vor allem im Mathematikunterricht viele Beispiele und Aufgabenformate, die einen aktiv entdeckenden Zugang ermöglichen. Ganz konkret kann das so aussehen:
2.1 Entdeckendes Lernen im Mathematikunterricht
Wir starten mit dem Beispiel „Einführungsstunde Symmetrie“. Anstatt den Kindern lange, komplizierte Arbeitsanweisungen zu geben und damit sämtliche Erkenntnisse vorwegzunehmen, wollen wir etwas Mutiges ausprobieren. Teile den Kindern ein quadratisches Papier aus und gib ihnen folgende Arbeitsanweisung: „Falte in der Mitte. Schneide. Klappe das Papier auf. Was fällt dir auf?“

So, nun höre ich direkt die ersten Einwände: „Und was ist, wenn die Kinder keine Form ausschneiden, sondern nur einen Schnitt machen?“ „Was, wenn sie zu viel/zu wenig schneiden?“ „Was, wenn…?“
Ganz egal, was die einzelnen Schüler:innen genau gemacht haben – ihr trefft euch im Anschluss im Sitzkreis und alle Ergebnisse werden in die Mitte gelegt. (Du kannst sie auch vorab am Platz noch ein Partnergespräch führen lassen, wenn du das Ich-Du-Wir-Prinzip anwenden willst.) Jedenfalls können die Kinder nun ihre Entdeckungen formulieren:
„Ich hab etwas ausgeschnitten, das wie ein Herz aussieht.“
„Ich habe einen Halbkreis reingeschnitten und als ich es aufgeklappt habe, wurde da ein ganzer Kreis draus.“
„Bei allen Papieren ist immer eine Faltung in der Mitte.“
„Die beiden Seiten sehen bei mir gleich aus.“
„Das ist bei meinem Papier auch so. Ich glaub, das ist sogar bei allen so!!“

Und so weiter… Jedes Kind hat erst einmal SELBST etwas handelnd getan und etwas für sich entdeckt. Sich dann mit dem Partner ausgetauscht und anschließend zusammen mit den Ergebnissen aller Mitschüler:innen die eigenen Entdeckungen formuliert. Dafür muss die Lehrkraft ausreichend Zeit zum Betrachten geben, nicht voreilig Erkenntnisse zusammenfassen, sondern die Kinder zu Wort kommen lassen und das Unterrichtsgespräch begleitend moderieren. Und natürlich kann jetzt auch aufgegriffen werden, wenn ein vermeintlicher Fehler aufgetreten ist und jemand „falsch“ geschnitten hat. Daraus können alle gemeinsam lernen. Und abschließend kommt auch der Impuls von Lehrerseite, dass es jetzt um Symmetrie geht und dass die Faltkante Symmetrieachse heißt usw. Aber die Entdeckung, was Symmetrie ist, die kam von den Kindern selbst.
Wenn es in einer der Folgestunde dann um Figuren mit mehreren Symmetrieachsen gehen soll, kannst du genauso vorgehen und wieder diesen Arbeitsauftrag stellen: „Falte zweimal. Schneide. Was fällt dir auf?“ Die Kinder werden dann schon Entdeckerprofis sein.
Du würdest gerne mehr entdeckend unterrichten, weißt aber nicht, wie? Dann melde dich gerne zu einem Kennenlerngespräch bei mir. Im Rahmen der Ref-Sprechstunde (auch für fertige Lehrkräfte möglich), können wir gemeinsam an deinem Unterricht arbeiten und ihn so gestalten, dass die Kinder aktiv entdeckend lernen können. |
2.2 Entdeckendes Lernen Mathematik Beispiele
Es gibt im Mathematikunterricht viele Aufgaben, deren Formate an sich schon zum entdeckenden und forschendem Lernen einladen. Hier ein paar Beispiele dafür:
Zahlendreiecke – Beispiel: „Erhöhe die obere Innenzahl um 1. Was passiert?“
Zahlenmauern – Beispiel: „Erhöhe den mittleren Grundstein um 1. Was passiert mit dem Deckstein?“
Zahlenreihen fortsetzen – Frage: „Wie geht es weiter? Welches Muster steckt dahinter?“
Würfelnetze – Frage: „Aus welchen Sechslingen kann man Würfelnetze bauen? Aus welchen nicht? Erkläre, warum das so ist.“
Mit Würfeln bauen – Beispiel: „Baue auf diesem Grundriss mit 5 Würfeln. Wie viele Baupläne findest du? Wie bist du vorgegangen?“

Du kannst dann den Kindern eins von den oben genannten Beispielen in Einzel- oder Partnerarbeit zum Knobeln geben (evtl. differenziert) und im anschließenden Austausch fragen:
- Wie bist du vorgegangen?
- Was ist dir aufgefallen?
- Was hast du herausgefunden?

Diese Fragen eignen sich in einer Abschlussreflexion wunderbar, um Entdeckungen und Erkenntnisse zu beschreiben.
Zur weiteren Recherche: Die Mathematikplattform PIKAS bietet zum Entdeckenden Lernen im Mathematikunterricht ganz ausführliche Beschreibungen und passendes Material. Dort zu stöbern lohnt sich immer!
3. Entdeckendes Lernen Deutschunterricht
Nun wollen wir uns das Ganze einmal für das Fach Deutsch ansehen am Beispiel einer Unterrichtsstunde mit dem Thema „Wortbausteine für die Wortartbestimmung nutzen“ aus dem Deutschbereich „Sprache untersuchen“.
Was sollen die Schüler:innen am Ende dieser Stunde gelernt haben?
1. Wortbausteine können mir bei der Bestimmung der Wortart helfen.
2. Ich erkenne Wortarten auch an bestimmten Wortbausteinen und Endungen.
3. Die Endung –ung kommt bei Nomen vor, -ig bei Adjektiven, -en bei Verben usw.
Und nun ist die Frage: WIE kommen die Schüler:innen selbst darauf?
Häufig gehen Lehrkräfte im Frontalunterricht so vor, dass verschiedene Wörter (Heizung – Wanderung – Vorbereitung – witzig – mutig – neugierig usw.) an der Tafel präsentieren und folgende, eindimensionale Fragen gestellt werden:
„Welche Wortarten siehst du hier?“
„Schau dir immer das Ende an. Was haben alle Nomen gemeinsam?“
„Schau dir immer das Ende an. Was haben alle Adjektive gemeinsam?“ usw.
Vier von 23 Kindern haben gleich das Prinzip verstanden, melden sich und können die gewünschten Antworten geben. Aber was ist mit dem Rest? Reicht es aus, dass sie hören, was die anderen gerade verstanden haben?
Daher nun die Alternative als Ansatz, wie jedes Kind selbst Erkenntnisse gewinnen kann: Die Schüler:innen bekommen kleine Wortkarten in Großbuchstaben (HEIZUNG, WITZIG, MALEN usw.) mit dem offenen Auftrag „Ordne die Wörter“.

Jedes Kind wird erst einmal eine eigene Ordnungslösung finden – vielleicht nach der Länge, vielleicht nach dem ABC, vielleicht eine inhaltliche Ordnung, vielleicht aber auch nach der Endung –ung, -ig, -en. In jedem Fall findet eine individuelle Auseinandersetzung statt (ICH-Phase) und es ist auch okay, wenn die Ordnung hier nicht sofort der gewünschten Lösung entspricht. Jeder einzelne geht erst einmal in eine vertiefte Auseinandersetzung und ist nun mit dem Wortmaterial vertraut.
Anschließend vergleichen die Kinder mit ihrem Sitznachbarn in Partnerarbeit ihre Ordnung. Hier lautet der Auftrag „Vergleiche die Lösungen. Erkläre, was du dir dabei gedacht hast.“ So kommen die Schüler:innen in einen Austausch über ihre Sprachbetrachtungen, ihre Ideen und Beobachtungen (DU-Phase).
Und nun wird im Kinositz mit den gleichen Wortkarten auch an der Tafel eine Ordnung erstellt und die Beobachtungen zusammengetragen (WIR-Phase):
„Was ist dir aufgefallen?“
„Was hast du herausgefunden?“
„Betrachte die Endungen: Was entdeckst du?“
„Was hat diese Ordnung mit unseren Wortarten zu tun?“

Über die individuelle Auseinandersetzung und den anschließenden Austausch damit werden die Schüler:innen selbst darauf kommen, dass Wortbausteine mit den Wortartbestimmung zusammenhängen.
Sie werden nicht in einem Schnelldurchgang mit den Ergebnissen konfrontiert, sondern untersuchen tatsächlich sprachliche Phänomene selbstständig. Und so entdecken sie auch Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Strukturen.
Vor allem der Deutschbereich „Sprache untersuchen“ eignet sich für den Ansatz des Entdeckenden Lernens im Deutschunterricht besonders, da die Kinder hier mit sprachlichen Strukturen arbeiten, die sich gut vergleichen lassen und sich ein Austausch über die Erkenntnisse immer anbietet.
4. Entdeckendes Lernen Sachunterricht
Natürlich betrachten wir auch hier den Bereich Sachunterricht, da das Entdeckende Lernen im wissenschaftlichen Vorgehen ja bereits verankert ist. Sämtliche Versuche und Experimente können nach dem Prinzip Hypothesenbildung - Beobachtung - Erklärung aufgebaut werden. Das soll einmal am Beispiel der Forscherfrage „Wie kann ich Schallwellen sichtbar machen?“ durch den Versuch „Flackernde Kerze“ gezeigt werden:
Schritt 1: Hypothesenbildung
Den Kindern wird der Versuchsaufbau gezeigt (oder schriftlich beschrieben) und nun sollen sie erst einmal Vermutungen formulieren und notieren: „Was vermutest du, was passieren wird?“ Das kann erst in Einzelarbeit passieren und anschließend in Partner- oder Gruppenarbeit diskutiert werden.

Mögliche Vermutung aus Schülersicht:
„Die Kerze geht aus.“
Schritt 2: Versuchsdurchführung und Beobachtung
Die Kinder bekommen folgenden Arbeitsauftrag: „1. Halte die Trommel dicht an die brennende Kerze. 2. Schlage gegen die Trommel.“ Sie führen den Versuch durch (natürlich vorab mit Sicherheitshinweisen zum Umgang mit Feuer!) und notieren nun ihre Beobachtungen mit dem Arbeitsauftrag: „Was hast du beobachtet?“ Hier sollen sie ganz sachlich beschreiben, was sie während des Versuchs gesehen haben.

Mögliche Beobachtung aus Schülersicht:
„Die Flamme wackelt, wenn ich auf die Trommel schlage.“
Schritt 3: Erklärung
Nach der Beobachtungsphase sollen die Kinder ihre Erklärungen für das eben beobachtete Phänomen formulieren: „Wie erklärst du dir das?“ Auch hier können erst die Erklärungsversuche in Einzelarbeit notiert und später im größeren Kontext (Partner-, Gruppenarbeit oder Plenum) diskutiert werden.

Mögliche Erklärung aus Schülersicht:
„Wenn ich auf die Trommel schlage, dann wackelt auch die Luft dahinter.
Und die wackelige Luft bewegt dann die Kerzenflamme.“
Natürlich werden jetzt die naturwissenschaftlichen Begriffe und Kontexte wie „Schallwellen“ und „Luft als Schallleiter“ von Seiten der Lehrkraft ergänzt, aber die eigentliche Beobachtung und erste Erklärungsansätze kommen von den Kindern.
5. Entdeckendes Lernen lernen
Es kann sein, dass du nun an dieser Stelle angelangt bist und dich fragst, wie du das alles mit den Kindern deiner Klasse bloß umsetzen sollst: „Das können die doch gar nicht! Und ich kann das auch nicht!!“ Daher die gute Nachricht: Deine Kinder können das Entdeckende Lernen lernen. Und du auch. Du darfst dir und euch dafür Zeit lassen.
Beginne damit, deine Lehrersprache zu überprüfen, ob du Ergebnisse schon (halb) vorgibst und wenn ja, probiere offene Fragen zu stellen. Teste die ein oder andere Stunde einmal bewusst mit einem entdeckendem Ansatz aus und beobachte deine Schüler:innen, was sie für eigene Erkenntnisse formulieren. Lass ihnen dabei Zeit, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Das will geübt sein und klappt vielleicht auch noch nicht von heute auf morgen.

Und wenn du dir Unterstützung auf dem Weg zu einem Unterricht mit Entdeckendem Lernen wünschst, dann begleite ich dich gerne dabei. Mein Name ist Rebekka, ich bin Lehrerin, Autorin und Beraterin für Grundschul-referendar:innen, um sie während des Refs in fachlicher, didaktischer und pädagogischer Hinsicht zu unterstützen. Auch fertige Lehrkräfte berate ich in Fragen rund um Unterrichts-qualität, Classroom-Management und Entdeckendem Lernen.
Hier kannst du ein kostenloses Kennenlerngespräch vereinbaren.
Und nun dir und deiner Klasse ganz viel Freude beim Erkunden von all dem wunderbaren Wissen, das darauf wartet, von den Kindern entdeckt zu werden!
Herzliche Grüße
Rebekka
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Ein sehr spannendes Thema!
Ich selbst, war ein sehr aufgewecktes Kind - nicht immer konzentriert genug um still zu sitzen und fertige Ergebnise zu lernen. Ich erinnere, wie viel Spaß mir dafür das entdeckende Lernen immer gemacht hat und wie viel schneller ich dadurch lernte. Ich wünsche jedem Kind so lernen zu dürfen!
Super Artikel, Rebekka!